Feministische Kritik ist mehr als nur eine Frage der Geschlechterverhältnisse – Radiobeitrag

Radio Corax
„Eine Grundforderung feministischer Politiken ist „my body, my choice“, also „mein Körper, meine Entscheidung“. Gemeint ist damit, dass niemand das Recht haben sollte, über einen Körper zu verfügen – sei es durch Berührungen die man nicht will, durch Gesetze die Abtreibungen unter Strafe stellen oder die Einnahme von Hormonen an Zwangsgutachten binden oder durch zwangsweise Gabe von Medikamenten. Ein Ort, an dem dieser Grundsatz nicht gilt ist die Psychiatrie. Zwangseinweisung, Zwangsgabe von Medikamenten, Zwangsernährung, Fesselung oder auch einfach der Grundsatz, dass der/die PsychaterIn entscheidet, wann und ob jemand wieder gehen darf. Gerechtfertigt wird dies meist mit dem Schutz des Menschen vor sich selbst und manchmal auch mit dem Schutz der Umwelt vor dem Menschen. Feministische Politik sollte die Psychiatrie-Praxis kritisieren, sagt die Kulturwissenschaftlerin Peet Thesing und hat ein Buch darüber geschrieben: „Feministische Psychiatrie-Kritik“. Mit ihr sprachen wir über das Thema.“

Auf ein neues – immer noch dagegen

Auch 2018 gibt es weiter gute Gründe für Feminismus und Psychiatriekritik. Weiter werden Probleme individualisiert und pathologisiert. In dieser Welt zu „scheitern“ ist kein Zeichen von Wahnsinn oder Krankheit, was therapiert und geheilt werden müsste. Wir müssen mehr scheitern, versagen, faul sein, renitent und unversöhnlich daherkommen, notorisches Querulant_innentum und oppositionelles Trotzverhalten.

Wenn ihr Lust habt, mit mir darüber zu diskutieren, kommt doch zu einer meiner Lesungen oder Vorträge! Die Termine findet ihr hier. Gerne mache ich auch Workshops und längere Veranstaltungen, für Psychiatrieerfahrene und_oder Interessierte, auf der Suche nach einem anderen Umgang mit Schmerz, Krisen und Gewalterfahrungen (in und außerhalb der Psychiatrie).

Lesungen im Herbst und Winter

Im September geht es los in Berlin, in Frankfurt und Regensburg geht es weiter im Oktober, dann stehen noch Münster, Tübingen, Köln und Wuppertal auf der Liste – ich freue mich sehr drauf, zu lesen und Vorträge zu halten und dabei spannende und kontroverse Diskussionen zu haben. Schreiben Sie / Ihr mir gerne bei Interesse! Die konkret feststehenden Termine befinden sich unter dem Reiter Termine – im Dezember gibt es für Frauen (egal ob trans, cis, behindert oder nicht, lesbisch, hetero oder bi) sogar die Gelegenheit, ein ganzes Seminar mit mir zu diskutieren und sich mit eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen.

Feministische Psychiatriekritik

Peet Thesing
Feministische Psychiatriekritik
ISBN 978-3-89771-140-2
Erscheinungsdatum: März 2017
unrast transparent – geschlechterdschungel Band 9
© UNRAST-Verlag, Münster
Postfach 8020 | 48043 Münster | Tel. (0251) 66 62 93
info@unrast-verlag.de | www.unrast-verlag.de
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Das Thema Psychiatriekritik ist schon lange aus dem Blickfeld von Feminist*innen verschwunden. ›Helfende‹ Maßnahmen werden nicht (mehr) gesellschaftskritisch analysiert, auch psychiatrisch-medizinische Ansätze werden nicht auf ihre strukturelle Bedeutung hin befragt – Geschichte scheint es in der Psychiatrie nicht zu geben.

Dabei sind viele Fragen offen: Wie eigentlich entstehen ›psychische Krankheiten‹ in dieser Gesellschaft? Wie wird zwischen krank und gesund (nicht) unterschieden? Wird Homosexualität tatsächlich nicht mehr als Krankheit betrachtet? Womit wird psychiatrische Gewalt begründet? Welche Rolle spielen legale Drogen und Therapien? Hört die feministische Forderung »My body, my choice« bei Essstörungen und Selbstverletzungen auf?

In der vorliegenden Einführung werden psychiatrische Ansätze aus einer gesellschaftskritischen Perspektive hinterfragt. Dabei orientiert sich die Autorin am Wissen Psychiatrie-Erfahrener. Es geht um die Trennung zwischen gesund und krank, um die Entstehung von Diagnosen, um Homosexualität und Hysterie und die Macht der Gutachten. Es wird beschrieben, wie psychiatrische Gewalt funktioniert; Fesselungen und die Verabreichung von Medikamenten werden dabei ebenso analysiert wie psychische Zugriffe.

Abschließend werden Optionen vorgestellt, die Handlungsfähigkeit wieder möglich macht, wenn die Psychiatrie sich nicht als Ort des ›Helfens und Heilens‹ erweist.